Mindestlöhne in der EU wieder stärker gestiegen

Mit Deutschland verfügen nun 22 von 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union über einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn.

Die Mehrheit unter ihnen hat ihre Lohnuntergrenze zum 1. Januar angehoben. Die Erhöhungen fielen überwiegend etwas stärker aus als in den Vorjahren. Da gleichzeitig die Inflation sehr niedrig war, legten die Mindestlöhne in den meisten EU-Ländern auch real zu. Das zeigt der neue Mindestlohnbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. Während der preisbereinigte Zuwachs in West- und Südeuropa meist unter zwei Prozent blieb, stiegen die Lohnuntergrenzen in den meisten mittel- und osteuropäischen Mitgliedsländern auf niedrigerem Niveau deutlich. Der deutsche Mindestlohn ist im westeuropäischen Vergleich moderat und liegt relativ zum nationalen Durchschnittsverdienst lediglich im internationalen Mittelfeld.

11,12 Euro in Luxemburg, 9,61 Euro in Frankreich, 9,21 Euro in den Niederlanden – zum 1. Januar 2015 haben 16 EU-Länder ihre gesetzlichen Mindestlöhne erhöht. Großbritannien und Portugal hatten schon im vergangenen Herbst aufgeschlagen. Im Vergleich zu den Vorjahren, in denen die Austeritätspolitik in zahlreichen EU-Staaten auch die Mindestlohnentwicklung ausbremste, „gewann die Entwicklung wieder etwas an Fahrt“, schreibt WSI-Tarifexperte Dr. Thorsten Schulten im Mindestlohnbericht, der in der neuen Ausgabe der WSI-Mitteilungen erscheint.

Der neue deutsche Mindestlohn liegt bei der absoluten Höhe „am unteren Rand der westeuropäischen Spitzengruppe“ – hinter Luxemburg, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Irland. Schaut man auf das relative Niveau, rangiert Deutschland lediglich im internationalen Mittelfeld: Gemessen am jeweiligen Medianlohn, den Vollzeitbeschäftigte verdienen, hätte die deutsche Lohnuntergrenze im Jahr 2013 – dem letzten, für das derzeit international vergleichbare Daten vorliegen – 50 Prozent betragen. Beim Medianlohn handelt es sich um denjenigen Lohn, bei dem die Hälfte aller Beschäftigten mehr und die andere Hälfte weniger verdient. Da seit 2013 der Medianlohn in Deutschland weiter angestiegen ist, dürfte der relative Wert des Mindestlohns heute sogar unter 50 Prozent liegen. Deutlich höher im Vergleich zum Medianlohn, nämlich über 60 Prozent, liegen die Mindestlöhne unter anderem in Frankreich, Slowenien, Neuseeland oder der Türkei. Deutlich niedriger sind sie unter anderem in Japan, den USA oder Tschechien. Setzt man die Lohnuntergrenze ins Verhältnis zu den nationalen Lebenshaltungshaltungskosten, profitieren deutsche Mindestlohnbezieher vom relativ günstigen Preisniveau in der Bundesrepublik: Ihre Kaufkraft ist etwas höher als die von Beschäftigten, die in den Niederlanden, Belgien oder Irland für den Mindestlohn arbeiten müssen.